Gegründet 2008 vom P.E.N.-Zentrum Deutschland Für die Freiheit des Wortes
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1925 bis 2006

Carola Stern – zur Person

Carola Stern hat die Lebensabenteuer, die sie bestand, und die Irrungen, die sie überwand, unter dem Signaltitel des „Doppellebens“ versammelt. Der Name, unter dem sie berühmt wurde, war ursprünglich ein Deckname.

Ahlbeck, Usedom, und ein Krieg als Kulisse

Geboren wurde sie am 14. November 1925 als Erika Assmus in Ahlbeck auf Usedom. Der Vater starb noch vor ihrer Geburt, die verwitwete Mutter führte eine Pension am Ort. Man muss sich das Milieu als klein und übersichtlich vorstellen, mit Sommergästen, Kirchgang und wenig Spielraum für Widerspruch. Im Nationalsozialismus wurde das Mädchen Jungmädel-Gruppenführerin im BDM, machte 1944 Abitur und rutschte damit in eine Rolle hinein, die viele ihrer Generation ausfüllten, ohne groß darüber nachzudenken. Sie hat diese Zeit später weder verschwiegen noch heroisch umgedeutet, sondern ziemlich trocken beschrieben. Genau das unterscheidet ihre Erinnerungen von vielen anderen deutschen Lebensberichten der Nachkriegszeit.

Nach Kriegsende kam ein ungewöhnlicher Zwischenschritt: Sie arbeitete als Bibliothekarin in einem Raketenforschungsinstitut der sowjetischen Besatzungsmacht im Südharz. Als die deutschen Spezialisten in die Sowjetunion gebracht wurden, blieb sie in der damaligen SBZ zurück und ließ sich zur Lehrerin ausbilden. Sie unterrichtete, wollte ein ruhiges Leben und bekam ein völlig anderes. Denn Anfang der fünfziger Jahre nahm der amerikanische Nachrichtendienst Kontakt zu ihr auf und warb sie an. Der Grund war banal und menschlich zugleich: Ihre Mutter war schwer krank, lag in einer West-Berliner Klinik, und die Behandlung musste organisiert werden.

Das Doppelleben in der DDR

Von da an lief ihr Leben zweigleisig. Sie trat in die SED ein, wurde 1950 auf die Parteihochschule geschickt und lernte dort die Sprache des Apparats bis in die letzte Formel. Den Glauben an die Sache lernte sie nicht mit. Sie berichtete parallel nach Westen, saß in Sitzungen, sprach die richtigen Sätze und wusste jeden Tag, dass ein einziger Fehler genügen würde. Wer wissen will, was Angst mit Menschen macht, findet in ihren Aufzeichnungen aus dieser Zeit mehr als in vielen Fachbüchern. Irgendwann wurde sie denunziert, und die Sache kippte innerhalb weniger Tage.

1951 floh sie nach West-Berlin. Dort begann das, was sie später ihr zweites Leben nannte: Studium und Arbeit als wissenschaftliche Assistentin am Institut für Politische Wissenschaft, dazu erste Veröffentlichungen unter dem Pseudonym Carola Stern. Der Deckname blieb, weil er ihr Schutz gab, und er wurde mit der Zeit bekannter als der Taufname. Sicher war sie trotzdem nicht: Zwei Entführungsversuchen der Staatssicherheit entging sie nur knapp. In dieser Phase entstand auch ihr Handbuch über Aufbau, Organisation und Funktion des SED-Parteiapparats, ein Buch, das im Westen lange als Standardwerk galt, weil hier jemand von innen schrieb. Später folgte die Ulbricht-Biographie, die ihr endgültig den Ruf einer der schärfsten DDR-Kennerinnen einbrachte.

Köln, Verlag, Rundfunk

1960 zog sie nach Köln und übernahm die Leitung des politischen Lektorats bei Kiepenheuer & Witsch, was sie bis 1970 machte. Als Lektorin baute sie ein Programm auf, das politisch klar Position bezog, ohne parteipolitisch zu werden. Danach begann die Zeit, die sie selbst als ihre glücklichsten Berufsjahre bezeichnete: von 1970 bis 1985 war sie Redakteurin und Kommentatorin in der Hauptabteilung Politik des Westdeutschen Rundfunks. Sie kommentierte, moderierte und stritt öffentlich, und sie tat das mit einer Direktheit, die im damaligen Rundfunk nicht selbstverständlich war. Zusammen mit Heinrich Böll und Günter Grass gründete sie außerdem die Zeitschrift „L 76“. Ihr Mann, der Journalist Heinz Zöger, nannte sie liebevoll spöttisch „Carlchen Maulaufreißer“, was ziemlich genau trifft, wie sie in Debatten auftrat.

Parallel dazu lief das menschenrechtliche Engagement, das später zur Gründung dieser Stiftung führte. 1961 gehörte sie gemeinsam mit Gerd Ruge zu den Gründern der deutschen Sektion von amnesty international. Für diese Arbeit erhielt sie 1972 die Carl-von-Ossietzky-Medaille, zuvor 1970 den Jacob-Kaiser-Preis, später die Wilhelm-Heinse-Medaille und die Hermann-Kesten-Medaille des westdeutschen P.E.N.-Zentrums. Von 1987 bis 1995 war sie Vizepräsidentin des P.E.N.-Zentrums Deutschland, anschließend dessen Ehrenpräsidentin. Sie hat in diesen Ämtern nie nur repräsentiert, sondern Fälle bearbeitet, Briefe geschrieben und Menschen untergebracht. Wie diese Fallarbeit bis heute funktioniert, beschreibt unsere Seite zu Writers in Prison und Writers in Exile.

„Wer bin ich? Eine, die fast so viele Namen wie Berufe hatte!“ Mit dieser Frage beginnt ihre Autobiografie „Doppelleben“ aus dem Jahr 2001. Landarbeiterin, Lehrerin, Bibliothekarin, Funktionärin, Assistentin, Lektorin, Journalistin, Schriftstellerin: Die Aufzählung ist kein Kokettieren, sondern eine ziemlich präzise Bestandsaufnahme.

Die Biografien der späten Jahre

Als Rentnerin fasste sie den Entschluss, Schriftstellerin zu werden, und das mit über sechzig. Es entstand eine Reihe von Biografien über Frauen und Künstlerpaare, die viel Leserschaft fand. Über Dorothea Schlegel schrieb sie „Ich möchte mir Flügel wünschen“ (1991), über Rahel Varnhagen „Der Text meines Herzens“ (1994). Es folgten „Isadora Duncan und Sergej Jessenin“ (1996), „Die Sache, die man Liebe nennt“ über Fritzi Massary (1998) und „Männer lieben anders“ über Helene Weigel und Bertolt Brecht (2000). Zuletzt erschien 2005 „Auf den Wassern des Lebens“ über Gustaf Gründgens und Marianne Hoppe. Ihre eigenen Erinnerungen legte sie in „In den Netzen der Erinnerung“ und in „Doppelleben“ vor.

Auffällig an diesen Büchern ist, dass sie ihre Gegenstände nie schont und trotzdem nicht denunziert. Sie interessierte sich für den Moment, in dem Menschen sich verstricken, und für den viel selteneren Moment, in dem sie sich wieder herausarbeiten. Das hat mit ihrer eigenen Geschichte zu tun, ohne dass sie es aufdringlich betont hätte. 2004 strahlte der Regisseur Thomas Schadt seinen Film „Carola Stern – Doppelleben“ aus, der einem breiten Publikum zeigte, wie widersprüchlich diese Biografie war. Am 19. Januar 2006, kurz nach ihrem achtzigsten Geburtstag, starb sie in Berlin. Beigesetzt wurde sie in Benz auf Usedom, dort, wo bereits das Grab ihres Mannes lag.

Warum die Stiftung ihren Namen trägt

Am 28. Januar 2008 gab das P.E.N.-Zentrum Deutschland die Gründung der Carola-Stern-Stiftung bekannt. Der Name war keine Ehrenbezeugung nach dem Motto, man müsse jemanden würdigen. Er beschreibt den Auftrag. Hier hat eine Frau ihr halbes Leben unter falschem Namen verbracht, hat Angst vor dem Klingeln an der Tür gekannt und wusste, wie schnell aus einem Menschen mit Meinung ein Fall wird. Wer aus dieser Erfahrung heraus jahrzehntelang für andere gearbeitet hat, gibt einer Stiftung eine klare Richtung. Die Aufgaben, die daraus folgen, stehen ausführlich auf der Seite Ziele der Stiftung.

Es gibt noch einen zweiten Grund, und der ist unbequemer. Carola Stern war keine makellose Figur. Sie war BDM-Führerin, SED-Mitglied und Agentin, bevor sie zur streitbaren Publizistin wurde. Gerade deshalb passt sie zu einer Einrichtung, die niemanden nach Gesinnung sortiert, sondern nach Gefährdung. Wer selbst durch mehrere Systeme gegangen ist, weiß, wie viel Zufall in Biografien steckt und wie wenig Abstand zwischen Mitläufer und Verfolgtem liegt. Diese Haltung prägt unsere Arbeit bis heute, auch dort, wo sie unpopulär ist. Was daraus für die Debatte über Meinungs- und Pressefreiheit folgt, haben wir gesondert aufgeschrieben.