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Praxis der Fallarbeit

Writers in Prison und Writers in Exile

Zwei Programmnamen, ein Grundgedanke: Niemand soll für einen Text verschwinden, und niemand soll im Exil beruflich verschwinden. Wie das praktisch aussieht, steht hier.

Wie ein Fall überhaupt bekannt wird

Fälle kommen selten über offizielle Kanäle. Meistens schreibt eine Kollegin, ein Übersetzer oder ein Verwandter, oft in gebrochenem Deutsch oder auf Englisch, manchmal mitten in der Nacht. Danach beginnt die unspektakuläre Arbeit: prüfen, ob die Person tatsächlich publizistisch tätig war, klären, welches Verfahren läuft, herausfinden, wer vor Ort verlässlich Auskunft geben kann. Das dauert, weil Falschmeldungen und Verwechslungen häufiger vorkommen, als Außenstehende denken. Wir arbeiten dabei mit dem P.E.N.-Zentrum Deutschland und mit anderen Organisationen im menschenrechtlichen Netzwerk zusammen, weil niemand allein über alle Regionen Bescheid weiß. Erst wenn die Grundlage steht, wird entschieden, ob Öffentlichkeit hilft oder schadet.

Diese Frage ist die schwierigste im ganzen Ablauf. Öffentlichkeit kann ein Schutzschild sein, weil ein bekannter Häftling schlechter misshandelt wird als ein unbekannter. Sie kann aber auch die Familie im Herkunftsland zur Zielscheibe machen oder ein laufendes Verfahren verhärten, weil ein Richter sich vorgeführt fühlt. Deshalb entscheidet nicht die Stiftung, sondern immer die betroffene Person oder, wenn sie inhaftiert ist, ihre engsten Vertrauten. Wir liefern die Einschätzung, keine Vorgabe. Und wir halten uns daran, auch wenn dabei eine gute Geschichte liegen bleibt.

Was Patenschaften tatsächlich bewirken

Der Kern der Writers-in-Prison-Arbeit sind Patenschaften: Autorinnen und Autoren hier übernehmen einen konkreten Fall, schreiben Briefe an Behörden, an Botschaften, an die Gefangenen selbst. Wer das zum ersten Mal hört, hält es oft für symbolisch. Ist es nicht. Briefe, die von einer Gefängnisverwaltung registriert werden müssen, dokumentieren, dass jemand hinsieht, und diese Dokumentation ändert das Verhalten von Beamten. Aus Berichten Freigelassener wissen wir, wie viel es bedeutet, im Hofgang zu erfahren, dass in Bremen oder Köln jemand den eigenen Namen kennt. Manche Verfahren sind sogar messbar milder ausgegangen, nachdem internationale Post eintraf.

Patenschaften sind allerdings Ausdauerarbeit. Ein Fall zieht sich über Jahre, es kommen keine Zwischenerfolge, und wer nach drei Monaten Ergebnisse erwartet, gibt frustriert auf. Es hilft, wenn zwei oder drei Personen sich einen Fall teilen und die Korrespondenz abwechselnd führen. Genauso wichtig ist die Zeit nach der Haftentlassung, wenn der Fall aus den Nachrichten verschwindet und der Mensch mit zerstörter Gesundheit dasteht. In dieser Phase greift dann die Stiftung mit Zuwendungen, medizinischer Unterstützung und, falls nötig, mit der Organisation der Ausreise. Wie wir diese Mittel vergeben, steht bei den Zielen der Stiftung.

Ankommen ist der schwierigere Teil

Writers in Exile beginnt dort, wo die Rettungsgeschichte endet. Jemand ist in Sicherheit, hat aber keinen Beruf mehr, keine Sprache und häufig keinen Status, der Arbeit erlaubt. Die ersten Monate laufen erstaunlich gut, weil Adrenalin und Hilfsbereitschaft vieles tragen. Das zweite Jahr ist das gefährliche: Die Aufmerksamkeit lässt nach, der Sprachkurs stockt, die Ersparnisse sind weg, und die Familie zu Hause fragt, wann es endlich besser wird. In dieser Phase brechen die meisten Karrieren endgültig ab, und zwar nicht wegen fehlenden Talents, sondern wegen fehlender Anschlüsse. Wir versuchen deshalb, früh Kontakte zu Verlagen, Redaktionen, Hochschulen und Übersetzerinnen herzustellen.

Ein Instrument, das dabei besonders zuverlässig wirkt, ist die Förderung von Übersetzungen. Ein deutschsprachiges Probekapitel entscheidet oft darüber, ob ein Verlag überhaupt liest. Ohne dieses Kapitel bleibt ein Manuskript ein Stapel Papier in einer Sprache, die im Lektorat niemand kann. Mit ihm wird daraus ein Angebot, über das verhandelt wird. Ähnlich funktionieren Lesungen, Zeitschriftenbeiträge und Radiofeatures, weil sie sichtbare Referenzen erzeugen. Es geht dabei weniger um Honorare als um den Nachweis, dass jemand hier arbeitet und nicht nur wartet.

Integration heißt in diesem Zusammenhang nicht Anpassung. Es heißt, dass eine Schriftstellerin aus Belarus in fünf Jahren wieder Schriftstellerin ist und nicht Regalauffüllerin mit Vergangenheit.

Häufige Missverständnisse

Erstens denken viele, es gehe nur um weit entfernte Diktaturen. Tatsächlich betreffen etliche Fälle Länder, in die Deutsche in den Urlaub fliegen, und einige spielen mitten in Europa. Zweitens hält sich die Vorstellung, betroffene Autoren seien alle Aktivisten. Ein großer Teil sind Lokaljournalisten, die über Korruption in einer Kleinstadt geschrieben haben, oder Lyriker, deren Metaphern jemand falsch verstanden hat. Drittens glauben Unterstützer oft, man brauche Sprachkenntnisse, um zu helfen. Man braucht vor allem Verlässlichkeit, ein bisschen Geduld und die Bereitschaft, auch nach dem zehnten unbeantworteten Brief den elften zu schreiben.

Ein viertes Missverständnis betrifft Geld. Manche vermuten, dass große Summen nötig seien, und spenden deshalb lieber gar nicht. In der Praxis lösen Beträge im dreistelligen Bereich erstaunlich viele Probleme, weil sie eine Kaution, eine Zugfahrt, eine Passverlängerung oder eine Woche Unterkunft abdecken. Andere fürchten, ihr Beitrag verschwinde in Verwaltung. Deshalb halten wir die Struktur klein und geben Auskunft, wenn jemand nachfragt. Und wer lieber Zeit als Geld gibt, findet bei uns fast immer etwas zu tun, von Behördenbegleitung bis Korrekturlesen.

Wenn niemand etwas unternimmt

Die Folgen sind vorhersehbar und trotzdem unterschätzt. Ohne Patenschaften verschwinden Namen aus dem Blickfeld, und wer aus dem Blickfeld verschwindet, verhandelt aus einer schwächeren Position. Ohne Exilförderung verlieren wir hier im Land Fachwissen, das kein Institut ersetzen kann, weil es auf eigener Anschauung beruht. Ohne Übersetzungen bleibt eine ganze Literatur unsichtbar, und zwar dauerhaft, denn Autoren, die zehn Jahre nicht erscheinen, kommen selten zurück. Am Ende schrumpft die eigene Öffentlichkeit, ohne dass jemand es merkt, weil das Fehlende nun einmal nicht auffällt. Genau diesen Zusammenhang beschreibt auch unser Text über Meinungs- und Pressefreiheit, und die Biografie unserer Namensgeberin auf der Seite Carola Stern – zur Person zeigt, wie früh sie das erkannt hat.